Ortstagebuch
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31. Oktober im Labyrinth
Spiritvoices
© Distel 1. November 2003
Diesmal bin ich allein. Auf der Schwelle: Willst du wirklich weitergehen, heute nacht? Ja. Die Pappeln flüstern, und es ist warm und neblig. Ein Halbmond scheint durch die Bäume, und ein erleuchteter Regionalzug donnert in der Nähe vorbei. Alles flüstert.
Am Labyrinth fühlt sich alles gut an. Wieder sind die Schweine drin gewesen. Ich glaube wir sollten keine Lebensmittel mehr als Opfer zurücklassen. Ich krieg das Grinsen: Im Zentrum haben die Schweine ein richiges kleines Loch gebuddelt, weil sie jedes Körnchen vom Getreideopfer das letzte Mal erwischen wollten. Dafür dass wir sie reingelockt haben, waren die Schweine aber recht behutsam. Bitte keine Lebensmittel mehr im Zentrum zurücklassen! Ich überlege ob es nicht besser wäre an einer geeigneten Stelle in der Nähe einen Natur-Altar für solche Gaben zu machen.
Als Alles repariert ist, gehe ich rein. Was ich und die Geister uns zu erzählen haben, ist hier ein Geheimnis, aber als ich die Augen schliesse und flüstere hüllt mich ein Meer von Geisterstimmen ein, die Luft flüstert, es raschelt und knistert. Spiritvoices.
Die Birken wölben sich wie eine Kuppel über meinen Kopf, der Mond hinterm Geäst, das Labyrinth wird zu einem Weg aus dunkelblauen Schlangen. Beim Gehen heute fällt man fast schon automatisch in Trance.
Für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt, später geh ich in die Backstube, und am morgen finden die Geister am Flussufer ein Stück Hefezopf in einem Kreis aus gelben Blättern - ein Opfer zum Dank.
10. Oktober im Labyrinth

© Distelfliege Oktober 2003
Verabredung: Trommeln, Rasseln und Labyrinthgänge mit Frauen von Jana's Vollmondliste im Labyrinth.. Ein Blick aus dem Fenster: Der Himmel hat sich nach einem regnerischen Tag aufgehellt, noch ist es nicht dunkel. Ich wickel Druna Syr in die selbergenähte Trommeltasche und mache mich auf den Weg. Ostkreuz - drei Frauen sind schon da, zusammen zum nächsten Treffpunkt..
Am Himmel zieht eine Gewitterfront über uns hinweg, aber es regnet nicht. Die Trommel ist schwer, aber als ich den kleinen Feldweg betrete ist es wie gewohnt, das überschreiten der Schwelle. Die zwei grossen Pappeln, Torwächterinnen, begrüssen uns und ich bin froh dass wir willkommen sind. Unterwegs binde ich mir ein Glockenband ums Gelenk, um uns bei den wilden BewohnerInnen anzukündigen, Jana packt ihre neue Rassel aus. Das Labyrinth ist stellenweise etwas zerwühlt, die Säue haben unter ein paar Steine geschaut, trotz Dunkelheit ist es schnell repariert.
Ankommen, noch eine Zigarette, dann auspacken, die ersten Trommeltöne. Viele Rasseln, die eine klingt wie Grillenzirpen. Ich singe für Lele, die Wolfs-Frau intoniert rollende Laute.. Jana geht rein, Druna fällt in einen Herzschlag-Rhythmus. Irgendwie geht die nächste schon rein, wenn die letzte noch nicht draussen ist. Ich bin mir nicht sicher ob ich das packe, manchmal fall ich aus der Konzentration raus.. Drunas tiefer Ton hallt zweimal. D-rrrun tack tack D-rrrun tack tack D-rrrrun.. Ich höre aus Druna den Herzschlag der Erde, und aus den Birken die Winde flüstern und singen. Bin wieder "drin".. Die vorletzte Frau kommt aus dem Birkentor, und ich stehe auf - Uaaaaah - Beine kaputt, vom langen Sitzen - und übergebe ihr Druna zum trommeln. Ich gehe mit geschlossenen Augen rein. Zuerst geht es gut - ich finde den Weg, und es wird zu einer Reise, hier die kleine Rassel, da die grosse, hier bin ich in der Nähe vom Tor - es wird heller, jetzt bin ich wieder auf dem Weg in den "hinteren Bauch" - es wird dunkler. Unterwegs sind plötzlich steile Berge und tiefe Täler. Nur nicht das Gleichgewicht verlieren.. Irgendwann muss ich eine Begrenzung überschritten haben, bin wieder am Tor. Egal, jetzt geh ich halt sehenden Auges rein.. Vielleicht zu wenig Zeit, hmmmmm... zu sehr beeilt? In der Mitte glüht Räucherkohle, gut! Ich räucher mich mit Artemisia und trinke Wasser aus meinem weissen Mondhorn. Das ganze Labyrinth ist wieder mal ein einziger Kraftkreis.
Zuletzt denke ich, sind mir in Erinnerung: Die vielen Rasseln an den verschiedenen Stellen die wie von allein näher zu kommen und sich zu entfernen schienen, während die Trommeln eher eine Konstante waren. Der Wind in den Birken. Druna und die Erde. Am Ende fühl ich mich in diesem Wald zu Hause wie sonst selten. Ich freue mich dass den Anderen das Labyrinth so gut gefällt, dass sie es zu schätzen wissen.. Ich denke an die, mit denen ich das Labyrinth gebaut habe, an unsere Treffen und Rituale. Sie fehlen mir, manchmal. Ich denke daran dass jede "neue" Gruppe immer ein wenig braucht bis sich dieses wortlose Zusammenwirken ergibt, aber dafür dass es für mich eine unbekannte Gruppe war, hat es gut geklappt.
Rückweg.. schon auf dem Rückweg leichtes Heimweh, dieses Gefühl dass die Welt in die wir gehen, mir eigentlich fremd ist. Das Baumtor, die Schwelle. Da steht ein Auto, ein weisser Mercedes. Als die wilden Weiber mit ihren Federstöcken, Rasseln und Trommeln vorbeigehen, blendet der Fahrer ängstlich die Standlichter auf. Wir glotzen neugierig: Ein knutschendes Pärchen, hähähä.
31. August 2003 am Labyrinth
Sonne scheint. Ich lasse mir den Wind um die Nase wehen, auf dem Fahrrad. Die bunten Bänder mit den Federn wehen am Lenker herum. Es ist immer ein Gefühl von Entspannung und zu einem besonderen Ort kommen, wenn ich den Weg zum Niemandsland hochgehe. Heute bin ich zum Sanddornpflücken gekommen, und kaum habe ich ein, zwei Handvoll Beeren gepflückt kommen dunkle Gewitterwolken.. Zuflucht gesucht in der "Pennerlaube" - eine Ruine ohne Dach, wo jemand in einer Ecke aus Sperrholz einen kleinen Unterstand gebastelt hat.
Der Regen peitscht über die Wildnis des Niemandslandes..
Es ist schon schön. Ich zünd' mir ein Zigarettchen an und warte bis es aufhört.
Auf den Boden der Laube haben Leute eine Swastika gesprüht.. der Spruch daneben lässt keinen Zweifel an ihrer Gesinnung. Können diese blöden Faschos nicht woanders hingehen? Wieso müssen sie ausgerechnet hier sein? Zum Kotzen.
Es nervt einfach.
Ich frage mich schon, wie denn überhaupt eine Chance besteht, daß die Swastika jemals was anderes bedeutet als Nazis, Fanatismus, Massenmord.. bei so vielen Idioten.. gefährlichen Idioten.
Sie erinnert mich an Greueltaten, und an Männer ohne Haare, die sich nicht entblöden sich heute wieder an diese ekelhaften Rassisten zu erinnern und sie toll zu finden.
Ich weiss selber, daß "mein" Niemandsland auf "Fascho-Gebiet" liegt, in einem Fascho-Bezirk.
Ja, und da muss ich mich wieder fragen, wieso kann es sein, daß es hier wieder Faschobezirke gibt, in die sich die Bunthaarigen und die mit der "falschen Hautfarbe" nachts nicht trauen? Sind wir schon wieder soweit, ja?
Naja. Es ist Tag, die Trockenheit ist vorbei, es regnet, ausser mir ist keiner hier.
Und trotzdem - dieses Geschmier - es wirkt wie ein Rausschmiss. Ich fühle mich hier nicht mehr so wohl wie vor dieser Entdeckung. Ich will nicht, daß sie hier sind..
Nach dem Regen kommt die Sonne wieder raus. Ich bin froh daß ich aus der Laube rauskomme, und mich wieder ans Pflücken machen kann. Und hier ist ein Portrait von dem schöööönen orangen Sanddorn:
An dem Nachmittag musste ich noch einmal vor einem Regenguss flüchten, aber dann fand ich noch zwei andere Sorten von Sanddorn, die noch leckerer waren wie die erste.. Genug für Marmelade..
Am Schluss bin ich noch zum Labyrinth gegangen, Zeit für ein kleines Ritual und ein kleines Opfer:

Die Schneckenhäuser sind noch von Silver und Lucia gewesen
Ausserdem habe ich ein paar Leute getroffen.. eine Joggerin, und als ich rauskam aus dem Gelände eine Truppe Rentner auf Sonntagsspaziergang.. Sachen gibbet ;-)
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